

Rämistrasse 35
Direktauftrag, Zürich
Umbau einer Gynäkologischen Praxis
Im zweiten Obergeschoss eines Zürcher Wohn- und Geschäftshauses um 1900 haben wir eine gynäkologische Praxis umgebaut. Die Aufgabe verband drei Anforderungen: das Freilegen der historischen Raumqualitäten, das Ergänzen neuer Funktionen für einen zeitgemässen medizinischen Betrieb – und die Umsetzung in nur sechs Wochen Bauzeit.
Bestand
Das Geschäfts- und Wohnhaus an der Rämistrasse stammt aus der Zeit um 1900 und steht in der Tradition der späten Zürcher Gründerzeit. Wie viele Bauten dieser Epoche zeigt es einen historistisch geprägten Repräsentationsanspruch: hohe Räume mit reich profilierten Stuckdecken, Eckrosetten und Hohlkehlen, partielle Wandtäfer aus Massivholz im unteren Wandbereich sowie sorgfältig profilierte Türgewände mit Kämpfer und Aufdoppelungen. Die Praxis liegt im zweiten Obergeschoss und umfasst Empfang, Wartebereich, zwei Behandlungsräume, ein Labor sowie Personal- und Sanitärräume.
Vor dem Umbau war von diesen Qualitäten wenig zu spüren. Eine holzfarbige Abhangdecke verschluckte den Empfangsbereich, anthrazitfarbiger PVC-Boden zog sich durch alle Räume, und eine eingestellte Trennwand schnitt die Stuckdecke eines ehemals grosszügigen Zimmers in der Mitte durch. Der Eindruck beim Betreten war dunkel und beengt – im Widerspruch zum eigentlichen räumlichen Potenzial der Wohnung.
Aufgabe
Einerseits sollten die historischen Qualitäten des Bestands wieder erlebbar gemacht werden – die hohen Räume, die Stuckaturen, die Tiefe der Türlaibungen. Andererseits brauchte die Praxis ein zusätzliches Labor sowie einen abgeschlossenen Personalraum, beides Funktionen, die im bestehenden Grundriss zunächst keinen Platz fanden.
Hinzu kam eine zeitliche Vorgabe, die das Projekt entscheidend prägte: Der gesamte Umbau musste innerhalb von sechs Wochen umgesetzt werden, damit der Praxisbetrieb möglichst kurz unterbrochen blieb. Diese Vorgabe verlangte nicht weniger als jede andere – sondern eine andere Art der Planung.
Konzept
Wir haben uns entschieden, das Vorhandene nicht zu überformen, sondern freizulegen und sparsam zu ergänzen. Das neue Labor wurde im ehemaligen Wartezimmer eingerichtet, der Personalraum in jenem Behandlungsraum, dessen Stuckdecke zuvor durch eine Trennwand zerteilt war.
Die entscheidende Geste betrifft diesen Personalraum: Statt eines raumhohen Einbaus haben wir ihn als reduziertes Volumen ausgeführt, das deutlich unter der Stuckdecke endet. Die instand gesetzte Decke läuft so wieder ohne Unterbruch durch und holt die ursprüngliche Grosszügigkeit des Raums zurück. Das eingestellte Volumen liest sich klar als Zutat unserer Zeit, ohne den historischen Rahmen zu beanspruchen.
Die Beschränkung auf wenige, präzise Eingriffe entspricht zugleich einer entwurflichen Haltung und einer pragmatischen Antwort auf den engen Terminrahmen: Was nicht angefasst wird, muss auch nicht koordiniert werden.
Massnahmen und Bauablauf
Die gesamte Elektroinstallation und Teile der Sanitärinstallation wurden ersetzt und konnten im neu aufgebauten Boden geführt werden – die Stuckdecken blieben dadurch unangetastet. Der maroden Bodenstruktur haben wir mit einer Verstärkung aus Plattenmaterial einen tragfähigen Untergrund gegeben und darauf ein helles Linoleum verlegt: pflegeleicht, hygienisch, atmungsaktiv – und im Kontrast zum vorher vorhandenen anthrazitfarbenen PVC ein wesentlicher Beitrag zur neuen Helligkeit der Räume.
Einbaumöbel in einheitlichem Weiss nehmen den nötigen Stauraum für Medizinalprodukte auf und ordnen sich den wiederhergestellten Raumstrukturen unter. Farbige Akzente setzen wir bewusst sparsam: in der Möblierung des Wartebereichs sowie am Empfangstresen, dessen mit Linoleum belegte Front das Bodenmaterial in die Vertikale führt und den Eingangsmoment markiert.
Die sechswöchige Bauzeit war nur durch eine präzise Vorbereitung möglich. Die wesentlichen Entscheide – Materialien, Einbaumöbel, Stuckrestaurierung, Bodenaufbau – waren bei Baubeginn vollständig festgelegt, alle Gewerke vorab koordiniert. Auf der Baustelle griffen die Arbeitsschritte parallel ineinander: Demontage und Stuckinstandsetzung im einen Raum, während nebenan der Bodenaufbau bereits lief. Der Verzicht auf gestalterische Eingriffe ausserhalb des Notwendigen war dabei nicht nur konzeptuell, sondern auch terminlich sinnvoll.
Wirkung
Was vorher dunkel und niedrig wirkte, erscheint heute hell, klar und freundlich. Die Stuckdecken sind wieder vollständig sichtbar und tragen das Raumgefühl, die hellen Böden reflektieren das Tageslicht, und die wenigen neuen Elemente – Personalraum, Einbaumöbel, farbige Akzente – ordnen sich der historischen Substanz unter, ohne sich zu verstecken. Die Praxis hat das Repräsentative ihres Hauses zurückgewonnen, übersetzt in den nüchternen Anspruch eines medizinischen Betriebs – fertiggestellt in einem Zeitrahmen, der dem Auftraggeber den geordneten Wiederbeginn des Praxisbetriebs ermöglichte.
